Blicke durchs Schlüsselloch (Teil I)

Veröffentlicht am von Dr. Werner Fuchs

Tags: , , , , , ,

Einwände gegen meine Behauptung, Neuromarketing fördere den Humor, lassen Erinnerungen an gescheiterte Umsetzungen hochkommen. Interessanterweise lassen sich alle kleinen Niederlagen unter der Begründung „Die Machtverhältnisse nicht beachtet“ zusammenfassen. Und das passiert natürlich auch Menschen, denen diese
Verhältnisse bestens bekannt sind, einem Neuromarketer zum Beispiel. Einige Fälle
möchte ich auf diesem Blog zur Lektüre freigeben. Auch als Beruhigungsmittel, dass es anderen ebenfalls so geht wie einem selbst.

Fallgeschichte 1: Schokolade deckt Verschwörung auf.

Mit Prozentzahlen und Hirnscans stieß ich nur selten zum Wesentlichen vor. Daher beginne ich die Lektion über das Unbewusste heute anders, wenn der Zuhörerkreis überblickbar ist. Mit der Legitimation meines Schweizer Passes lege ich vor jedem Teilnehmer Schokolade auf den Tisch.

Nur erhalten nicht alle gleich viele. Beschenkt wird nach dem Zufallsprinzip. So ergab es sich sogar, dass ausgerechnet der CEO meines Kunden nur eine Gabe erhielt. Aber er schwieg. Und er schwieg noch immer, als ich zum Auftakt meiner Ausführungen behauptete, alle hätten ihr Geschenk mit den Geschenken der Nachbarn verglichen. Gestehen muss das niemand. Die eigene Erfahrung genügt. Und sie sagt ihm, dass sein Bewusstsein eine Verschwörung wittert. Aber es ist keine, wie die Schokolade
bewiesen hat.

In die Sprache des Neuromarketing übersetzt heißt das: Was im autobiographischen Gedächtnis gespeichert ist, veranlasste das Unbewusste zum Entscheid „Achtung! Vergleichen lohnt sich!“ Denn die daraus gewonnenen Informationen erhöhen die
Wahrscheinlichkeit, den evolutionären Zielen gerecht zu werden. Und die lauten
zur Erinnerung: Fortpflanzen – Anpassen – Überleben. Schokolade ist sogar
Nahrung mit Zusatzstoffen fürs Belohnungszentrum. Bei Bio-Knäckebrot hätte das
Unbewusste vielleicht den Befehl erteilt „Lassen wir’s!“ Fazit: Da Lernen im Erwachsenenalter vor allem aus Verlernen besteht, müssen wir viele traditionelle, lieb gewonnene und von vielen geteilte Regeln vergessen oder missachten.

Fallgeschichte 2: SWOT gegen MAPPE.

Es ist gut, wenn Unternehmen, Produkte oder Dienstleistungen wissen, wer oder was sie sind. Denn das ist Voraussetzung, um ihren Platz in der Welt zu finden. Und der lässt sich auf einer Landkarte wesentlich leichter finden, wenn die Koordinaten
Geschichten und Bildern entsprechen. Die Eigenschaft „ehrgeizig“ ist vorerst
mal nur ein Wort. Aber muss man sich für die Geschichte von André Agassi oder
Roger Federer entscheiden, wird die Trefferquote höher. Auch weil das Unbewusste keine Zahlenskalen kennt. Auf seinem Bewertungsbogen gibt es nur zwei Kolonnen. Und die lauten: nützt / nützt nicht oder gut / schlecht. Mit wem möchte Ihr Produkt lieber essen gehen? Mit Agassi oder mit Federer? Das Unbewusste machte die Erfahrung, dass halb-halb nicht möglich ist. Also zieht es diese Lösung nicht in Betracht. Und je mehr solche Fragen nach Geschichten und Bildern wir stellen, desto deutlicher erscheint der passende Ort auf der emotionalen Landkarte eines Produkts. q.e.d.

Über den Autor: Dr. Werner Fuchs

Dr. Werner Fuchs, Autor des Buches "Warum das Gehirn Geschichten liebt"

 

Hat Ihnen der Artikel gefallen?